Gewalt an Kindern, wie handeln?

Gewalt an Kindern hat eine lange „Tradition“. Körperliche Züchtigung war lange Zeit normal und wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Meinungen wie „Eine gesunde Ohrfeige hat noch keinem geschadet“ oder „Man muss aufpassen, dass einem die Kinder nicht über den Kopf wachsen“ sind noch immer häufig zu hören.

Gewalt hat viele Gesichter: körperliche und/oder seelische Gewalt, Vernachlässigung, sexuelle Gewalt, Gewalt im Namen der Ehre und des Glaubens.

Zivilcourage ist gefragt, aber bloß nicht einmischen. Wenn ein Kind Hilfe braucht, dann muss gehandelt werden. Kinder können sich nicht selbst helfen. Es ist wichtig sich einzumischen. Schwierig ist jedoch die Frage nach dem „Wie“!

Hören, Sehen, Glauben (Signale erkennen)

Es kostet Erwachsene oft Überwindung, sich jemandem anzuvertrauen und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wie hoch muss diese Hürde erst für die Kinder sein? Wenn ein Kind es schafft, sich einem Erwachsenen anzuvertrauen, sollte man ihm grundsätzlich glauben und es nicht als Lüge abtun.

Trotz der Wirksamkeit des Schweigegebotes suchen die Betroffenen hilfe. Sie senden Signale aus, um auf Ihr Leid aufmerksam zu machen. Es sind meist stumme Schreie. Kinder können mit Aggression, Rückzug oder Teilnahmslosigkeit reagieren oder sich auch sehr angepasst verhalten.

Indirekte Folgen der Gewalt sind auch: Schlafstörungen, Angst, Zwänge wie z.B. Waschzwang, Vernachlässigung des Äußeren (Kind wirkt ungepflegt und schlampig), selbstverletzendes Verhalten oder Schulprobleme.

Direkte Folgen von körperlicher Gewalt sind Blutungen, Abschürfungen, Blutergüsse, Striemen, Verbrennungen, Riss/Quetschwunden, ausgeriessene Haare und Bissverletzungen.

Bei sexueller Gewalt können Schmerzen im Genital- und Analbereich, sowie Blutungen, Rötungen und Schwellungen auftreten.

Du solltest dich dem Kind sofort zuwenden. Später könnte sich das Kind wieder verschließen.

Dennoch gilt: Wenn Du einen Verdacht hast, ist es in erster Linie wichtig, Ruhe zu bewahren. Das Wohl des Kindes steht im Vordergrund. Bei größeren Kinder sollten die weiteren Schritte besprochen werden und seine Zustimmung finden. Bei kleineren Kindern oder wenn das Kind in akuter Gefahr ist, sollte eine Hilfestellung ohne Wissen oder gegen den Willen des Kindes in Betracht gezogen werden.

Ist ein Kind in akuter Gefahr ist die Polizei (Notruf 110) zu verständigen.

In allen anderen Fällen empfiehlt es sich Rat bei einer Beratungsstelle zu holen.

Es sind folgende Fragen zu beachten:

Wie ist mein Verhältnis zum betroffenen Kind?
Wie ist mein Verhältnis zu der Person, von der die Gewalt ausgeht?
Wie stehen Kind und gewaltausübende Person zueinander?
Wie kann verhindert werden, dass das Kind noch mehr unter Druck gerät?
Wie kann verhindert werden, dass es, durch das Aufdecken, zu weiteren Misshandlungen kommt?
Wie können Erwachsene, die Gewalt als Erziehungsmittel betrachten, dazu gebracht werden Ihr Verhalten zu ändern?
Wie kann man Erwachsenen helfen wenn sie überfordert sind?
Wie kann man Tätern helfen Gewalt zu vermeiden?

Kinder wollen ihre Eltern nicht verraten, deshalb müssen Sie sich für sie einsetzen und Hilfe holen.

Gewalt an Kindern ist ein extrem komplexes und schwieriges Thema, dass man alleine nicht bewältigen kann. Deshalb solltest Du bei den ersten Verdachtsmomenten sofort Unterstützung suchen.

Wende Dich an eine, auf das Thema spezialisierte, Einrichtung. Sei es eine Telefonhotline, Beratungsstellen wie das Kinderschutzzentrum in Ihrer Nähe, Krisenstellen mit Unterbringungsmöglichkeiten rund um die Uhr oder Jugendämter. Es gibt unzählige Stellen, die Dir gerne und professionell helfen und Dich und das Kind in dieser schwierigen Lage unterstützen.

Wir alle neigen in dieser Situation meistens zu Panik: Instinktiv wollen wir das betroffene Kind möglichst schnell und sicher beschützen und vor weiteren Übergriffen bewahren. Doch Ruhe und Besonnenheit sind in allen Fällen wichtig, insbesondere bei „bloßem“ Verdacht.

Überreaktion, ungeplantes und in seinen Folgen nicht durchdachtes Vorgehen, führt meist zu weiteren Belastungen des betroffenen Kindes und dazu, dass das Kind nichts mehr sagt, wodurch eine Beendigung des Missbrauchs noch schwieriger wird.

Auch kann das Äußern einer voreiligen Vermutung, gegen eine falsche Person, eine Familie nachhaltig ins Chaos stürzen. Je nachdem, ob wir für das Kind verantwortlich sind bzw. wie eng der Kontakt zu ihm ist, unterscheiden sich die Möglichkeiten für unser Handeln.

Wesentlich ist es, sich selbst fachliche und emotionale Unterstützung zu holen!

Manchmal kennt man die Leute aber gar nicht und handeln ist sofort gefragt. Man beobachtet beispielsweise einen Erwachsenen auf dem Spielplatz, der ein Kind schlägt.

Man kann den Täter ansprechen. Man kann Hilfe anbieten, damit er aus der Dynamik der Situation aussteigen kann und sich beruhigen kann.“ Es würde dem Erwachsenen zeigen, dass sein Verhalten eben nicht in Ordnung sei. Und dem Kind signalisieren, dass Erwachsene hinsehen. Auch wenn es nicht einfach ist, es ist ein wichtiges Zeichen.“

Für Kinder ist es wichtig, dass sich Erwachsene interessieren und sie schützen, indem sie gegen die Gewalt vorgehen. Oft sind auch die Erwachsenen selbst langfristig dankbar, weil sie selbst nicht wissen, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten sollen.

Anlaufstellen:

Informationen für Helfer, Betroffene und Opfer:
In konkreten Situationen – ob sie Gewalt an Kindern beobachten oder auch selbst die Kontrolle verlieren – wählen Sie die 110. Bei der Polizei gibt es Experten, die helfen und Strafanzeigen oder Ermittlungen aufnehmen. Anzeigende können anonym bleiben.

Direkt für Berlin:
Der Polizeipräsident in Berlin
Landeskriminalamt / Abteilung Delikte am Menschen
Delikte an Schutzbefohlenen, 
körperliche Misshandlungsdelikte, LKA 125
Tel.: 030 / 4664-912 500
Hinweistelefon/Beratung (auch anonym): 
Tel.: 030 / 4664-912 555
Sexualdelikte, Delikte an Schutzbefohlenen
durch unbekannte Täter, LKA 132
Tel.: 030 / 4664-913 200

Kindernotdienst 
für Kinder von 0 bis 13 Jahren Telefon: 030 / 610061
Jugendnotdienst 
für Jugendliche von 14 bis 18 Jahren Telefon: 030 / 610062
Mädchennotdienst 
für Mädchen von 12 bis 21 Jahre Telefon: 030 / 610063
Kindesmisshandlung 
Berliner Hotline Nr.:
 030 / 610066

Die anonyme Telefonseelsorge ist eine gute Anlaufstelle für Betroffene wie auch für überforderte Eltern, die Sorgen mit ihren Kindern haben und sich Unterstützung wünschen:
Telefon (kostenlos): 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222

Kinder und Jugendliche finden bei der Nummer gegen Kummer konkrete Hilfe von Experten und anderen Jugendliche.
Kinder- und Jugendtelefon (kostenlos): 0800/1110 333
Elterntelefon (kostenlos): 0800/1110 550

Kidsinfo häusliche Gewalt wendet sich an Kinder.
Auf der Internetseite http://www.kidsinfo-gewalt.de/ finden Kinder und Jugendliche Informationen und Ansprechpartner auf Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch und Türkisch.

Auf der Homepage Projekt-Kinderaugen (für Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein) ist eine Liste mit Rufnummern für Beratung und seelische Unterstützung zu finden.
http://www.projekt-kinderaugen.de/notruf.html