Justin, Jonas, Liam, Ronan & Aidan

Dies ist die Geschichte von gleich fünf toten Kindern. Justin, Jonas, Liam, Ronan und Aidan wurden im Dezember 2007, im Alter von neun, acht, sechs, fünf und drei Jahren, von ihrer Mutter erstickt.

Das Drama der Familie erschütterte die ganze Region und hinterließ nicht nur den Vater der fünf Jungen fassungslos. Es sei nicht zu ahnen gewesen und doch wusste hinterher jeder etwas zu sagen. Die Kinder seien verwahrlost gewesen, hätten nie draußen gespielt, niemand habe sie wirklich gekannt und doch kennen Nachbarn die detaillierten Tagesabläufe der Kinder. Wer wann das Haus verließ und wer wann zurückkehrte. Viele Menschen ließen sich interviewen. Manchmal nur um zu sagen, dass sie auch einmal in der Straße waren, in der das Unaussprechliche geschah. Vielleicht war dies der Grund, weshalb der Vater sich ebenfalls immer wieder im Fernsehen zeigte und mit Reportern in das Haus zurückkehrte, in dem seine Kinder starben. Vielleicht war es auch seine Art der Trauerbewältigung oder das Zeigen seiner Unschuld.

So hilfreich die Presse oft ist, so abstoßend ist ihr Umgang mit dem Geschehen häufig.

Am 02.02.1999 wurde Justin, der erste der fünf Jungen, geboren. Die Mutter, eine gelernte Kinderpflegerin, war zu diesem Zeitpunkt in erster Ehe verheiratet und gebar kurze Zeit später, am 24.01.2000, ihren zweiten Sohn Jonas. Die Ehe zerbrach und die Eltern trennten sich. Beide fanden rasch neue Partner. Der Vater der beiden Jungen lernte eine neue Frau kennen, bekam mit ihr eine Tochter.

Die Mutter lernte unterdessen im Internet einen Amerikaner kennen, sie heirateten noch im selben Jahr in den USA und gingen gemeinsam nach Deutschland zurück. Ihr zweiter Ehemann beschrieb später, dass er sie als eine Frau mit Superpower kennenlernte, die sich zur spirituell angehauchten Einzelgängerin und später zu einem selbsternannten Medium entwickelte. Bereits kurz nach der Eheschließung und des Umzugs trennte sich das Paar zum ersten Mal und der Vater zog aus der gemeinsamen Wohnung aus. Die Beiden vertrugen sich jedoch wieder und kehrten zum Familienalltag zurück. Die drei jüngsten Kinder – Liam, Ronan und Aidan – wurden geboren, eine Zeit lang lebte die Familie glücklich zusammen. Liam, der 2001 geboren wurde, war Autist. Für ihn sammelte die Mutter später, mithilfe sehr emotionaler Videos, Spenden für eine Therapie. Aidan, der jüngste Sohn, war ein blondes Papakind. Er hatte von Beginn an ein intensiveres Verhältnis zu seinem Vater, denn zu seiner Mutter.

Irgendwann, vermutlich kurz nach Aidans Geburt, gewann die zweite Persönlichkeit der Mutter wieder die Oberhand. Diese nannte sich „Nathalie“ und begann zunehmend sie zu bedrohen. Immer häufiger war die Rede von Dämonen, die die Menschheit oder speziell ihre Familie bedrohten. Immer mehr zog die Mutter sich in ihre eigene Welt zurück. Der Vater war alarmiert und wandte sich in der kommenden Zeit häufig an das Jugendamt und den psychologischen Dienst. Eine ambulante Therapie wurde aufgenommen, die, laut der betreuenden Ärzte, gut anschlug. Weitere Maßnahmen seien nicht erforderlich, befanden die Behörden.

Doch als der Vater eines Abends nach Hause kam und das Haus verwüstet und die Kinder unversorgt vorfand, wuchs die Sorge erneut. Seine Frau erklärte ihm auf Nachfrage, dass sie keine Zeit zum Kochen und Aufräumen gehabt hätte. Sie habe immer wieder rituelle Segnungen vornehmen müssen, um die Kinder vor den Dämonen zu beschützen. Der Vater beschloss seine Frau während ihrer Wahnvorstellungen mit dem Tonband aufzunehmen und händigte die Aufnahmen anschließend ihrem behandelnden Psychologen aus. Es war eindeutig zu hören, dass die Mutter ihre Familie als Feind und Bedrohung wahrnahm oder durch Dämonen in Gefahr sah, denen sie nur durch den Tod entkommen könnten. Der Psychologe hörte sich die Aufnahmen nicht an und gab sie postwendend an seine Patientin zurück. Er habe das Vertrauensverhältnis nicht gefährden wollen und zudem sei kein Abspielgerät vorhanden gewesen.

Da die Mutter eine sogenannte „doppelte Buchführung“ hatte, konnte die zweite Persönlichkeit, „Nathalie“, immer dann auf Knopfdruck umschalten, wenn es notwendig war. Dies bedeutete, dass die Mutter in den Sitzungen mit den Psychologen vollkommen normal wirkte und sich einsichtig zeigen konnte. „Nathalie“ bestimmte dann den Verlauf des Gesprächs und stritt jegliche Behauptungen des Ehemanns ab. Dieser wusste sich nicht mehr zu helfen und trennte sich von seiner Frau. Beide lebten jedoch weiterhin zusammen in dem gemeinsamen Haus, auch damit der Vater bei seinen Söhnen sein konnte.

Im Folgenden wandte sich auch die Schulleiterin an das Jugendamt, da die zwei älteren Jungen, die zur örtlichen Grundschule gingen, häufig zu dünn oder schmutzig gekleidet waren und ihnen das Pausenbrot fehlte oder sie lediglich verschimmeltes Essen mitbrachten. Hier wurde der Schulleiterin mitgeteilt, dass das Jugendamt bereits involviert sei. Die Familie wirke zwar leicht überfordert, jedoch fürsorglich. Es bestehe eine psychiatrische Erkrankung der Mutter, doch keine akute Krisensituation.

Während dieser Zeit plante die Mutter bereits die Tat, die ihre Kinder töten sollte. Sie besorgte ihrem Mann ein Bahnticket nach Berlin, gab ihm Geld und forderte ihn auf Freunde dort zu besuchen. Er sollte ausspannen und den häuslichen, sowie den Arbeits-Stress vergessen. Sie versicherte ihm, dass zwei Freundinnen zu Besuch kämen und sie und die Kinder gut versorgt seien. Nach gutem Zureden war der Vater zu einer Reise bereit und verließ das Haus am 04.12.2007.

Noch am selben Abend begann die Mutter ihren Plan in die Tat umzusetzen. Sie besorgte ein Video für die Kinder und baute ihnen ein Lager aus Matratzen vor dem Fernseher. Dann kochte sie ihnen Milchreis und gab jedem der Jungen zwei Schlaftabletten in die Teller. Nachdem alle aufgegessen hatten, bettete sie sie auf die Matratzen. Dort wollte sie ihnen einen Mix aus Schlaf- und Schmerztabletten mithilfe einer Spitze anal zuführen. Doch die Kinder wurden wach und schrien. Die Mutter reagierte schockiert und wollte ihr Vorhaben abbrechen. Doch „Nathalie“ drohte ihr an, dem Vater und den Kindern etwas anzutun, wenn sie die Tat nicht zu Ende bringt. Sie holte Plastiktüten aus der Küche und erstickte ihre Kinder hiermit nacheinander. Justin, Jonas und Liam wehrten sich bis zum Schluss durch Kratzen und Beißen.

Anschließend verletzte sie sich selber und verließ das Haus. Mit der Bahn fuhr sie zunächst in die nächstgrößere Stadt und von dort in eine Psychiatrie, in der eine Freundin zuvor einmal behandelt worden war. Auf dem Weg schrieb sie einen Brief, den sie dem Arzt der Klinik gab. In diesem Brief gab sie den Mord an ihren Kindern zu und bat immer wieder um Hilfe. Der aufnehmende Arzt war alarmiert und schickte die Polizei zu ihrem Wohnhaus. Dort wurden die Leichen der Kinder gefunden.

Beisetzung:
Die Beisetzung der Kinder erfolgte zunächst getrennt. Justin und Jonas wurden in ihrem Heimatort beigesetzt, dem Ort, in dem ihr leiblicher Vater lebte. Liam, Ronan und der kleine Aidan fanden ihre letzte Ruhestätte in Berlin. Ihr Vater zog zunächst hierher. Im Jahr 2010 ließ er sie dann umbetten und neben ihren beiden größeren Brüdern beisetzen, da er wieder in sein Haus zurückzog und seine Söhne bei sich wissen wollte. Die Anteilnahme an dem öffentlichen Gedenkgottesdienst war enorm.

Ein Jahr nach den Geschehnissen veröffentlichte Schleswig-Holstein, als erstes Bundesland, ein revolutioniertes Kinderschutzgesetz.

Gerichtsurteil:
Das im Prozess veröffentlichte psychologische Gutachten ergab, dass die Mutter, aufgrund ihrer paranoiden Schizophrenie, schuldunfähig sei. „Nathalie“ habe ihr die Tat befohlen und die Mutter stand unter solch enormem psychischem Druck, dass sie keinen anderen Ausweg sah, als ihr zu gehorchen. Das Gericht entschied auf eine lebenslange Unterbringung in der Psychiatrie wegen fünffachen Totschlags. Noch Jahre später gab es keine gesundheitliche Besserung. Noch immer glaubte die Mutter mit ihren Kindern im Jenseits sprechen zu können. Ihnen gehe es im Jenseits besser und sie seien nun geschützt vor den Dämonen.