Kieron-Marcel

Das ist die Geschichte von Kieron-Marcel, einem zweijährigen Jungen aus Leipzig-Gohlis, der neben seiner, an einem Drogencocktail, verstorbenen Mutter schließlich, am 13./14. Juni 2012, verdurstete.

Seit ihrem 16. Lebensjahr war Kieron-Marcels Mutter rauschgiftsüchtig (Heroin, Speed, Chrystal). Vom allgemeinen Sozialdienst des Leipziger Jugendamtes (ASD) wurde sie seit 2003 betreut. Der Drogenberatung war sie einschlägig bekannt, mehrere Entzugskuren scheiterten.

Im Februar 2010 wird die Schwangerschaft bekannt und am 16. April 2010 kommt Kieron-Marcel zur Welt. Seine, seit nunmehr acht Jahren, drogensüchtige Mutter hatte ihn bereits mit Hepatitis angesteckt. Am 08. Juni 2010 ziehen beide in eine Mutter-Kind-Einrichtung der Jugendhilfe. Anschließend soll sie an einer Langzeittherapie außerhalb von Leipzig teilnehmen. Nach der Geburt ihres Sohnes soll sich alles ändern, Kieron-Marcels Mutter will den Absprung schaffen. Sie nähert sich nach langer Zeit wieder ihrer Mutter, der Oma von Kieron-Marcel, an, versucht ihre Wohnung in einem ordentlichen Zustand zu halten, sucht nach einer neuen Liebe und sorgt sich um ihren Sohn. Zeigt ihm die Welt, welche für sie erreichbar ist.

Zu jener Zeit ist kaum jemandem bekannt, dass Kieron-Marcels Mutter weiterhin den Drogen verfallen ist, den Absprung nicht geschafft hat. Spätestens seit Anfang 2012 geriet ihr Leben völlig ausser Kontrolle.

Die guten Tage verschwinden langsam und die schlechten Tage überwiegen zunehmend. Kieron-Marcels Oma informiert mehrfach die Behörden über die Drogenabhängigkeit ihrer Tochter. Ebenso wie Nachbarn, Vermieter und Tagesmutter. Doch für die Behörden war Kieron-Marcel wohl nur einer von vielen Problemfällen mit Drogenhintergrund.

Es gab auch keinen Wendepunkt, als Kieron-Marcel nicht mehr zur Tagesmutter gebracht wurde, weil dies seiner Mutter „zu anstrengend“ gewesen sein soll. Sie brach den Kontakt zur Suchthilfe ab. Ein Arzt meldete dem ASD, dass er Rauschgift in ihrem Urin nachgewiesen hätte. Sie schwänzt Termine beim Arbeitsamt, dieses erstattet hierüber Meldung beim ASD. Zwei Polizisten sprechen persönlich bei der Behörde vor und informieren diese über die untragbaren Umstände, nachdem sie am 04. Juni 2012 von einem Anwohner zu dem Mietshaus gerufen worden waren, weil Kieron-Marcels Mutter wohl unter Entzugserscheinungen litt und völlig ausratete. Sie warf das Wohnungsinventar, sowie Müll aus dem Fenster und schrie laut. Als die Beamten an der Wohnungstür klingelten, öffnete sie aber nicht.

Für die Behörde lag aber nach wie vor keine Kindeswohlgefährdung vor. Auch nicht, als sie plötzlich, es war der letzte Kontakt zwischen der Mutter und ihrem zuständigen Betreuer, am 10. April 2012 die Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Sozialdienst des Leipziger Jugendamtes beendete, weil sie mit ihrem neuen Lebensgefährten ganz von vorn beginnen und nach Stuttgart ziehen wollte. Dies wurde Seitens des Betreuers einfach so hingenommen, denn die Mutter machte einen gesunden und gepflegten Eindruck auf ihn. An diesem besagten Tag schließt er die Akte, seiner Einschätzung nach sah die Prognose für die Familie gut aus. Auch gibt er die Akte nicht an Kollegen weiter, als er einen Monat später eine neue Stelle antritt. Fatal für Kieron-Marcel. Denn seine Mutter hält es nicht lange in Stuttgart aus, kehrt nach kurzer Zeit wieder nach Leipzig zurück.

Zwei Monate, nachdem die Akte vom dem Mitarbeiter des ASD, aufgrund der guten Prognose, geschlossen worden ist, geht in der Nacht zum 17. Juni 2012 durch einen Nachbarn ein Anruf bei der Polizei ein. Dieser teilt mit, im Treppenhaus würde er unangenehme Gerüche wahrnehmen.

Als die Beamten die Wohnungstür der Erdgeschosswohnung öffnen, finden sie die Leiche der Mutter, daneben liegt der kleine verdurstete Kieron-Marcel. Zwei Wochen lang, also nachdem die Polizei letztmalig am 04. Juni 2012 die Wohnung aufsuchte, hat niemand mehr Kieron-Marcel und seine Mutter gesehen. Niemand hat sie vermisst. Wahrscheinlich haben Nachbarn die Schreie von Kieron-Marcel, welcher mit dem Tode kämpfte gehört aber sichtlich falsch gedeutet, bis sie verstummt waren.

Die Obduktion ergab, dass die Mutter wahrscheinlich zwischen dem 07. und 10. Juni 2012 an einer Drogenmischintoxikation, also einem Mix aus Heroin und Kokain verstorben sei. Zudem sei sie im dritten Monat schwanger gewesen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Kieron-Marcel noch mindestens eine Woche gelebt haben muss, bis auch sein Tod zwischen dem 13. und 14. Juni eingetreten sei. Weiterhin stellte der Rechtsmediziner fest, dass Kieron-Marcel sehr stark zurückgeblieben gewesen sei und zudem, mit 9,2 Kilo, mangelernährt. Der kleine Junge sei über einen längeren Zeitraum vernachlässigt und über Monate hinweg nicht ausreichend ernährt worden.

Kieron-Marcels Tod löste deutschlandweit entsetzen aus, weil das Jugendamt bis zu seinem Tode weggesehen hat. Weil es eine Neustrukturierung des ASD gegeben hatte und somit insgesamt acht unterschiedliche Betreuer in 18 Monaten für Kieron-Marcels Mutter zuständig gewesen sind. Weil niemand die eingehenden Hinweise ernst genommen hat und diesen nachgegangen ist und letztlich Kieron-Marcels Leben nur eine Akte war, die irgendwo im Behördenwahn und Desinteresse untergegangen ist.

Schon zwei Jahre vor Kieron-Marcels Tod, kritisierten die Sozialarbeiter der Stadt Leipzig die Umstrukturierung des ASD. Sie warnten in einem internen Schreiben die Verantwortlichen vor möglichen Folgen. Weiterhin klagten sie über permanente Fallüberlastung und dass die tatsächliche Arbeit am „Klienten verschwindend gering“ sei.

Doch welche Konsequenzen zogen das Jugendamt, sowie die Stadt Leipzig aus Kieron-Marcels Tod?

Erst im Februar 2013 wurde der damalige Jugendamtsleiter von der Stadt Leipzig entlassen. Laut offizieller Begründung allerdings wegen anderer Skandale, wie z.B. seiner zu laschen Drogenpolitik. Was aber nicht daran hinderte, dass sein neues Tätigkeitsfeld die Leitung der Drogenhilfe im Klinikum St. Georg sein sollte.

Die Leiterin des ASD wurde, im Oktober 2012, ihres Postens verwiesen, ist aber weiterhin bei der Stadtverwaltung angestellt.

Kieron-Marcels Oma hatte gegen den Oberbürgermeister der Stadt Leipzig Anzeige gestellt. Gegen ihn wurde wegen Totschlags durch Unterlassen ermittelt, da er nicht nur einfach der Oberbürgermeister der Stadt Leipzig sei, sondern auch satzungsgebend für das Sozialamt und somit ebenfalls verantwortlich.

Der Sozialarbeiter, der die Akte geschlossen hatte, wurde kurzzeitig suspendiert ist aber noch immer bei der Stadt Leipzig beschäftigt, nur nicht mehr als Sozialarbeiter.

Wirkliche weitreichende Nachwirkungen in Form von Umstrukturierungen im Jugendamt selbst gab es demnach nicht und eine Mitschuld an dem Tod von Kieron-Marcel wollte natürlich ebenfalls niemand tragen. Am bestehenden System wird nach wie vor weitestgehend festgehalten. Lediglich einigte man sich darauf, die Abläufe beim ASD dahingehend zu ändern, dass Familien mit Suchtproblemen regelmäßiger betreut werden.

Ein Sozialarbeiter äußerte sich wie folgt:

„Unter Leipzigs Sozialarbeitern ist die vorherrschende Meinung: Das musste ja so kommen. Das alte System war eine Geh-Struktur, also Problemfälle im Kiez wurden vom Sozialarbeiter besucht. Das neue System ist eher auf eine Komm-Struktur ausgelegt, also man verlässt sich darauf, dass die Klienten zum Jugendamt kommen. Insofern wächst das Risiko, dass Kinder und Eltern zu Tode kommen.“ Quelle: mdr.de, 29.01.2014

Beisetzung:
Irgendwo auf einem Friedhof in Leipzig fand Kieron-Marcel in einem anonym Grab zusammen mit seiner Mutter seine letzte Ruhe.

Gerichtsurteil:
Nur der Sozialarbeiter, welcher Kieron-Marcel und seine Mutter seit November 2011 betreute, musste sich letztendlich vor Gericht verantworten. Im Sommer 2013 erhielt er vom Amtsgericht einen Strafbefehl wegen fahrlässiger Tötung. Er sollte 120 Tagessätze á 40 EURO, demnach 4.800 EURO zahlen, doch er legte Einspruch ein.

Er erklärte, dass er sich keiner Schuld bewusst sei, da er nichts von der Drogensucht der Mutter gewusst habe. Weiterhin sei eine Kindeswohlgefährdung nicht erkennbar gewesen und dadurch eben auch keine Inobhutnahme von Kieron-Marcel notwendig gewesen.

Er habe stets einen guten Eindruck von der Mutter und Kieron-Marcel gehabt. Weiterhin sei er bei der Übernahme des Falles nicht über etwaige Drogenprobleme informiert worden. Weiterer Handlungsbedarf hätte nicht vorgelegen, Angebote zu weiteren Hilfen hätte die Mutter abgelehnt und auch rechtlich gesehen, wäre eine Inobhutnahme des Kindes ausgeschlossen gewesen.

Die Staatsanwältin sah das anders. Ihrer Meinung nach hätte Kieron-Marcel gerettet werden können, denn es sei Aufgabe der Behörden, Kinder vor dem Fehlverhalten von Eltern zu bewahren. Hier seien Kontroll- und Überwachungspflichten verletzt worden.

Auch die Richterin zeigte sich verwundert darüber, dass hier eine jahrelange Betreuung erfolgte und dann plötzlich, nach einem einzigen positiven Gespräch die Betreuung endete.

Die Verteidigung plädierte jedoch auf Freispruch.

Mehr als 30 Kollegen des Sozialarbeiters wohnten dem Prozess als Zeichen der Solidarität bei.

Im Mai 2014, zwei Jahre nach Kieron-Marcels Tod, wurde der Sozialarbeiter des ASD vom Amtsgericht Leipzig zu einer Geldstrafe von 3.600 EURO verurteilt.

Die Richterin folgte damit weitestgehend dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Dass die drogensüchtige Mutter die Hauptschuld am Tod von Kieron-Marcel trägt, stünde außer Frage. Doch aufgrund seines Berufes hätte auch der Sozialarbeiter Verantwortung für Kieron-Marcel getragen.

Der Sozialarbeiter, der von Kollegen als engagiert und kompetent geschildert wurde, sei aber aufgrund seines Berufes mit in der Verantwortung für Kieron-Marcel gewesen, sagte die Richterin. Zudem habe er viel Erfahrung mit Drogensüchtigen gehabt. „Die besondere Problematik – jederzeit möglicher Rückfälle – musste Ihnen zu jeder Zeit klar sein“, sagte die Richterin zum Angeklagten. Quelle: mdr, 26.05.2014

Er habe „seine Kontrollpflichten vorwerfbar und vermeidbar verletzt und so den Tod des Kindes verursacht“, so die Begründung. Quelle: Bild, 26.05.2014