Leon-Sebastian

Das ist Leons Geschichte. Das Baby starb, am 11. oder 12. Dezember 2006, im Alter von nicht einmal zehn Monaten, in einer Mietwohnung, in einem Plattenbau in Sömmerda. Er war verdurstet, weil seine Mutter ihn und seine zwei Jahre alte Schwester Lena ganze vier Tage lang allein in der kalten, unbeleuchteten Wohnung zurückgelassen hatte.

Wann genau alles angefangen hatte, wird sich wohl nie klären lassen. Die Mutter, zum Zeitpunkt von Leons Tod 20 Jahre jung, war zunächst eine durchaus liebevolle Mutter. Sie war verheiratet, trennte sich aber, im Frühherbst 2006, von ihrem Ehemann und warf ihn aus der gemeinsamen Vierzimmerwohnung in Sömmerda. Bis zum Zeitpunkt der Trennung war die Familie nie auffällig geworden, auch wenn Leons Mutter aus schwierigen Verhältnissen stammte. Doch nachdem sie sich von ihrem Mann getrennt hatte, schien der jungen Frau alles über den Kopf zu wachsen. Sie kümmerte sich nicht um die Unterstützung, die ihr zustand, und geriet in finanzielle Schwierigkeiten, zudem suchte sie nach einem neuen Partner und vernachlässigte darüber ihre Kinder immer mehr. Anfang November alarmierte eine Nachbarin erstmals das Jugendamt, sie gab an, dass in der Wohnung nebenan ständig ein Baby schreie, kein Licht brenne und die Mutter auch nie zuhause sei. Am 15. November 2006 stattete eine Mitarbeiterin der Familie zu Hause einen Besuch ab, ihr fiel jedoch nichts auf, die Wohnung sei sauber gewesen, der kleine Leon zwar blass, aber gut genährt. Dennoch sollte die Mutter mit den Kindern zu einem Arzt und danach noch einmal beim Jugendamt vorsprechen – was niemals geschah.

Denn was zu diesem Zeitpunkt wohl nicht bekannt war: Da Leons Mutter schon seit einiger Zeit keine Miete und keinen Strom mehr bezahlte, ihre Post nicht mehr öffnete und auf Mahnungen nicht reagierte, war ihr, im November 2006, der Strom abgestellt worden (der Energieversorger würde später angeben, man habe nicht gewusst, dass Kinder in der Wohnung seien). Vielleicht war das der entscheidende Punkt, an dem sie sich von ihrem alten Leben und damit auch ihren Kindern endgültig abwendete. Andere Bewohner des Hauses, denen die Mutter begegnete, berichteten, dass die Kinder nur selten dabei gewesen wären, meist trafen sie die Mutter allein. Das letzte Mal sah eine Nachbarin die Kinder etwa vier Wochen vor Leons Tod und fand, dass er traurig ausgesehen hätte und nicht gelacht habe.

Auch seine Mutter wird später in der Gerichtsverhandlung berichten, dass ihr Sohn in seinen letzten Lebenswochen „nur noch geweint“ habe. Wenn sie jemand auf die Kinder ansprach, gab sie an, diese seien beim Vater oder bei einer Tagesmutter, sie selbst ging immer weniger und weniger in die eigene Wohnung zurück, in der es zu stinken begann, da im Kühlschrank die Lebensmittel vergammelten, keine Wäsche mehr gewaschen und nicht mehr gekocht wurde. Sie versorgte Leon und seine Schwester nur noch unregelmäßig und notdürftig. Die Kleinen waren Tag für Tag in ihren kalten, dunklen Zimmern mehr oder weniger alleine, während ihre Mutter bei einer Freundin war, wo sie sich auch mit ihrem neuen Freund traf und Alkohol und Drogen konsumierte. Zunächst war sie nur tagsüber weg und kam meist für die Mahlzeiten der Kinder noch nach Hause. Zum Schluss blieb sie auch über Nacht abwesend. Eine E-Mail, die sie Ende November 2006 mit der Bitte um Hilfe an das Jugendamt schickte, kam nie beim zuständigen Mitarbeiter an, vorangegangene Hilfsangebote, in Form von Schreiben oder Anrufen, wurden einfach nicht beantwortet bzw. der Anruf nicht angenommen. Zu diesem Zeitpunkt waren Leon und Lena bereits in schlechter Verfassung, sie waren zu dünn, unter den nur sporadisch gewechselten Windeln wund und die Haut voller Ekzeme. Doch die Mutter war der Ansicht, dass das Jugendamt ohnehin kommen und die Kinder in seine Obhut nehmen würde – so zumindest ihre Aussage vor Gericht. Daher ging sie am 10. Dezember 2006 das letzte Mal in die Wohnung und legte Lena Tee und ein Rosinenbrötchen in den Laufstall, Leon zwei Flaschen mit Säuglingsmilch, obwohl er sie nicht allein halten konnte (die Polizei findet später in den Flaschen und auf den Kissen eingetrocknete Milchreste vor). Das war das Letzte, was die Kinder von ihrer Mutter sahen.

Erst am Donnerstag, den 14. Dezember 2006, stehen das Jugendamt und die Polizei vor der Tür. Weil die Mutter nicht aufmacht, wird die Tür mithilfe eines Schlüsseldienstes geöffnet. Im Schein der Taschenlampe finden die Polizeibeamten Leon in seinem Bettchen. Die Obduktion würde ergeben, dass er am Sonntag oder Montag starb – verdurstet. Seine Schwester Lena wird in buchstäblich letzter Minute gerettet, sie kommt stark dehydriert und unterkühlt ins Krankenhaus und überlebt. Für Leon kommt die Hilfe viel zu spät.

Im Dezember 2013 wird bekannt, dass ein Wärter der JVA Chemnitz ein Verhältnis zu der dort inhaftieren Mutter von Leon-Sebastian hatte und sie von ihm ein Kind erwartet. Der Wärter, selbst verheiratet und Vater von zwei Kindern, wurde umgehend beurlaubt und dienstrechtliche Maßnahmen eingeleitet. Leon-Sebastians Mutter wird in der JVA nun ihr drittes Kind zur Welt bringen. Ob das Kind nach der Geburt bei ihr verbleibt oder in Obhut des Jugendamtes genommen wird, steht noch nicht fest. Für Mütter und Kinder bis zum dritten Lebensjahr gibt es in der JVA-Chemnitz eine Mutter-Kind-Station.

Gerichtsurteil:
Während des Prozesses fragt der vorsitzende Richter des Landgerichts Erfurt die Mutter, welche Gedanken sie denn gehabt haben mag, vier Tage lang die Wohnung nicht zu betreten obwohl man kein Rechtsmediziner sein müsse, um zu wissen, was mit ihren kleinen Kindern dann passiert.

Vielleicht wusste sie es wirklich nicht oder wollte es nicht wissen. Vor der Urteilsverkündung zeigte Leons Mutter so etwas wie Bedauern, sie hätte dies alles nicht gewollt.

Das (rechtskräftige) Urteil am Ende lautet dennoch: Vierzehn Jahre Haft wegen Mordes, versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen.