Michelle

Das ist Michelles Geschichte. Sie starb, am 01. Juli 2004, im Alter von nur zwei Jahren, an einem Hirnödem.

Michelle lebte mit ihren Eltern, sowie den fünf Geschwistern in einer Wohnung in Hamburg. Die Familie wurde bereits regelmäßig von Mitarbeitern des Jugendamtes aufgesucht und betreut. Allerdings verstand sich Michelles Mutter nicht mit den Sozialarbeitern und sagte vermehrt Termine ab. Sie fühle sich bevormundet. Auch den Vorschlag, die Kinder tagsüber in der KiTa unterzubringen, lehnte sie ab. Sie war der Meinung, Kinder müssten in den ersten drei Lebensjahren ausschließlich von den Eltern betreut werden und das, obwohl sie völlig überlastet war und keinerlei Unterstützung von ihrem Mann erhielt. Für ihre Begriffe versorgte sie ihre Kinder gut, jedoch reichte diese Versorgung bei weitem nicht aus.

Die Situation verschlimmerte sich und brach vollkommen zusammen, als, im Januar 2004, ein weiteres Kind geboren wurde. Inzwischen waren sechs Kinder zu versorgen, jetzt war ihr alles zu viel. Michelles Mutter versuchte zwar, laut eigenen Angaben, jeden Tag aufzuräumen, aber sie hat es nicht geschafft.

Abends wurden die Türklinken von allen Kinderzimmern abmontiert um zu vermeiden, dass die Kinder immer wieder herauskamen. Erst am Morgen durften die Kinder ihre Zimmer wieder verlassen. Auch tagsüber wurden die Kinder des öfteren in ihre Zimmer verbannt und für mehrer Stunden nicht herausgelassen. Riefen die Kinder nach ihren Eltern, weinten oder schrien sie, wurde dies ignoriert, ganz selten haben die Eltern dann doch noch einmal nachgeschaut.

Michelle wurde krank, ihre Mutter ging davon aus, es sei nur eine Erkältung, nichts ernsthaftes, dabei leidete Michelle an einer Mandelentzündung. Da auch die Familie nicht krankenversichert war, wäre für sie wohl, auch wenn sie die Erkrankung ihrer Tochter wahrgenommen hätten, kaum ein Arztbesuch in Frage gekommen. Am Tag vor Michelles Tod wurde sie zum Mittagsschlaf in ihr Kinderzimmer gebracht und mit einer Flasche in der Hand schlafen gelegt. Das war der Augenblick, an dem Michelles Mutter ihre kleine Tochter das letzte Mal lebend sah, denn bis zum nächsten Morgen kam sie nicht auf die Idee, noch einmal nach der kranken Michelle zu schauen. Erst ihre vierjährige Tochter machte sie am darauffolgenden Tag darauf aufmerksam, dass mit Michelle etwas nicht in Ordnung sei, denn sie würde mit offenen Augen im Bett liegen. Die vierjährige Tochter teilte ihrer Mutter mit, dass sie glaubt, Michelle sei tot, da sie nicht mehr atmen würde.

Sodann wurde der Notarzt informiert. Dieser konnte beim Eintreffen der kleinen Michelle jedoch nicht mehr helfen, denn Michelle war bereits seit etwa zehn Stunden tot. Gestorben an einem Gehirnödem, als Folge der nichtbehandelten Mandelentzündung. Außerdem war Michelle körperlich vernachlässigt und mangelernährt gewesen. Der Notarzt fand die Wohnung in einem katastrophalen Zustand vor. Überall war Müll, Essensreste, Ungeziefer und Kot, mittendrin all diese Kinder im Alter von sechs Monaten bis sechs Jahren. Die Türen ließen sich durch die Müllberge kaum noch öffnen und die Kinderzimmer waren von Schimmel befallen, sowie mit Kot verschmiert, da die Kinder nachts und auch tagsüber nicht rausgelassen worden sind und somit auch nicht auf Toilette gehen konnten. Laut Aussagen mussten die Kinder unter menschenunwürdigen Bedingungen leben. Alle Kinder zeigten starke Entwicklungsverzögerungen, geistig, seelisch und körperlich. Sie konnten kaum sprechen und sich nicht richtig bewegen und einige von Ihnen schlugen ihre Köpfe immer wieder gegen die Wand. So war auch der fünfeinhalbjährige Bruder von Michelle geistig so weit entwickelt wie ein Zweijähriger. Eine Dusche oder Zahnbürste kannten die Kinder nicht, sie waren mangelernährt und hatten wohl nie die Wohnung verlassen dürfen.

Seit Oktober 2003 wusste das Amt über die Situation der Kinder bescheid, jedoch erfolgte, bis auf die regelmäßigen Besuchstermine keine Reaktion. Die Sozialarbeiter hatten stets nur das dreckige und unaufgeräumte Wohnzimmer, das Bad und den Flur gesehen. Die Kinderzimmer bekamen sie so gut wie nie zu Gesicht, da die Besuchstermine immer dann statt fanden, wenn die Kinder angeblich schliefen. Auch wenn die Sozialarbeiter die Kinder haben rufen hören, dachten sie sich nichts dabei. Auch dass die Kinder eine geistige und körperliche Entwicklungsverzögerung aufwiesen, wurde wohl übersehen oder war nicht weiter von Bedeutung.

Michelles Mutter erwartete indes bereits ihr siebtes Kind.

Und weil es ja anscheinend immer noch nicht ausreichte, dass Michelle gestorben ist und ihre Geschwiser geistige und körperliche Schäden erlitten hatten, wurde für die Familie eine Fünfzimmerwohnung angemietet und der Verwaltungsdezernent des Bezirksamtes Lohbrügge sagte, drei Wochen nach Michelles Tod, dass die Familie, sobald sie ihr Leben geordnet hätte, doch auch eine Chance für einen Neuanfang bekommen sollte.

Letztendlich wurde den Eltern das Sorgerecht für Ihre Kinder doch noch entzogen. Über die Zukunft des siebten Kindes, welches erst noch geboren werden musste, sollte ein Familiengericht entscheiden.

Gerichtsurteil:
Gegen drei Mitarbeiter des Jugendamtes wurden Ermittlungen eingeleitet. Über den Ausgang dieser Ermittlungen sind keine Informationen verfügbar.

Die Eltern wurden wegen fahrlässiger Tötung und Verletzung der Fürsorge- und Erziehungspflicht zu drei Jahren Haft verurteilt. Michelles Mutter gab an, dass sie ihre Kinder geliebt habe und ihre Fehler einsehen würde.

Trotz dieser Erkenntnis von Michelles Mutter legten sie und auch Michelles Vater gegen dieses Urteil Revision ein, welche vom Bundesgerichtshof jedoch als unbegründet verworfen worden ist. Somit war das Urteil rechtskräftig.