Silvia

Das ist die Geschichte von Silvia. Noch nicht einmal 24 Stunden währte ihr Leben. Ihren Namen erhielt sie post mortem.

Am 05. März 2014, ein Stück weit entfernt von einem Waldweg im Krefelder Südpark, schnüffelte der Hund einer Spaziergängerin auffällig an einer durchsichtigen Plastiktüte. Als sich die Spaziergängerin die Tüte genauer ansah, entdeckte sie darin ein beigefarbenes Handtuch, darin eingewickelt eine Babyleiche mit einem Knebel im Mund. Sie meldete ihre Fund um 11.37 Uhr der Polizei.

Bei der Obduktion wurde festgestellt, dass es sich bei dem Säugling um ein Mädchen handelte. Es wurde gesund geboren, 52 Zentimeter groß und war wohl kaum mehr als 24 Stunden alt, als es diese Welt wieder verlassen musste. Dem Säugling wurde kurz nach seiner Geburt ein Knebel aus Feuchttüchern in den Mund gesteckt, so dass das kleine Mädchen keine Luft mehr bekam und erstickt ist. Augrund des Verwesungsgrades konnte angenommen werden, dass die Leiche schon seit zwei Wochen in dem Wald gelegen haben muss.

Auf der Suche nach der Mutter des Säuglings wurde ein Massengentest gestartet. 645 Frauen hatte die Polizei in der näheren Umgebung aufgesucht, 70.543 Frauen, die in Frage kommen könnten, leben in Krefeld. Letztlich wurde der Gentest gestoppt. Dieser wäre weder sachlich sinnvoll, noch verhältnismäßig.

Bis heute konnte die Mutter, trotz intensiver Suche und Aufrufen an die Bevölkerung, nicht ausfindig gemacht werden.

Anzumerken sei noch, dass es in Krefeld, im Gegensatz zu vielen anderen Städten, keine Babyklappe gibt. Es wurde sich bewusst dagegen entschieden, weil laut der Stadt Krefeld, ein Kind das Recht habe, zu wissen, was seine Identität sowie biologische Herkunft ist.

Auch die Möglichkeit, auf einer Geburtsstation anonym zu entbinden und sein Kind dort sicher zurückzulassen, wurde abgeschafft.

Inzwischen gibt es nur noch einen Schwangerennotruf. Nur leider stellt sich hier das Problem, dass viele Frauen in einer Krisensituation von diesem keine Kenntnis erlangen.

Beisetzung:
Die kleine Silvia wurde am 13. März 2014 auf dem Krefelder Hauptfriedhof beigesetzt. Vielen Menschen ging das Schicksal des Mädchens sehr nahe. Sie kannten sie nicht, aber sie wollten ein Zeichen setzen. Ihr auf ihrem letzten Weg zur Seite stehen. Insgesamt 130 Menschen, kamen um Silvia zu ihrer letzten Ruhestätte zu geleiten.

In seiner Ansprache bedanke sich der Pfarrer für das Kommen der Traugergäste. Silvia sollte nicht einfach verschwinden, sie sollte eine würdige Trauerfeier erhalten und gemeinsam sollte Abschied genommen werden. Der Pfarrer ging aber auch in seiner Ansprache auf die unbekannte Mutter ein. Niemandem stünde es zu, über die Mutter zu urteilen. Im Vorfeld gab es 150.000 Kommentare auf Facebook. Viele davon in Anteilnahme, aber viele auch mit bösartigen Drohungen gegen Silvias Mutter.

Unter einem Baum wurde Silivas kleiner schlichter Holzsarg hinab in die Erde gelassen. Aus dem alten Testament sprach der Pfarrer einige Worte: „Alles hat seine Zeit, jedes Tun unter dem Himmel hat seine Stunde.“ Er sagte auch: „Wir verlassen uns darauf, dass Silvia in Gottes Hand aufgenommen ist.“

Viele der Trauernden nahmen sodann Abschied von Silvia. Einige von ihnen warfen Tannenzweige oder Erde in ihr dunkles Grab.

Die Frau, die Silvia fand, hatte einen Abschiedsbrief geschrieben, welchen sie in das Grab legte.

Mitarbeiter eines Krefelder Supermarktes hatten sogar Geld für einen Grabstein gesammelt. Der Pfarrer musste allerdings von der Aufstellung eines Grabsteins abraten, da Silvia nicht auf Dauer ihren Frieden unter einem Baum auf diesem Friedhof haben wird. Es wäre niemand da, der sich dauerhaft um die Pflege ihres Grabes kümmern würde und so, wird die Friedhofsverwaltung ihr Grab irgendwann wieder entfernen müssen. Doch, so sagt der Pfarrer, sei es wichtig gewesen, dass Silvia gemeinsam zur letzten Ruhe geleitet worden ist.

Viele Menschen haben sich dafür eingesetzt, dass Silvia nicht anonym beigesetzt wird. Das sie einen Namen erhält, eine Trauerfeier. Diese Menschen haben Zusammenhalt und Menschlichkeit gezeigt. Doch dies wird kaum einem Kind, welches ein ähnliches Schicksal wie Silvia wiederfahren ist zuteil. Viele dieser Kinder verschwinden in der Anonymität, ohne einen Namen, ohne einen würdigen Abschied. Menschlichkeit wird diesen Kindern im Leben wie im Tod vorenthalten.