Tobias

Dies ist die Geschichte von Tobias aus Bamberg. Der kleine Junge wurde 1993, im Alter von 1,5 Jahren, von seiner Mutter misshandelt und verstarb, in der Nacht vom 03. auf den 04. August 1993, an den Folgen eines Milzriss. Seine Leiche wurde nie gefunden.

Tobias Mutter wurde seit ihrer frühesten Kindheit misshandelt, litt unter ihrem alkoholkranken Vater. Ihre Stiefgeschwister flüchteten früh aus dem Elternhaus und so blieb sie mit 12 Jahren allein mit ihrem Vater zurück.

Mit achtzehn Jahren hatte sie begonnen, eine eigene Familie zu planen, erleidet eine Fehlgeburt und wurde aber direkt wieder schwanger. Sie gebar am 26.03.1991 einen Jungen, wird unmittelbar erneut schwanger – rund zehn Monate später wird Tobias am 04.02.1992 geboren.

Im Dezember desselben Jahres folgte die nächste Schwangerschaft. Ende Juni 1993 wird die kleine Schwester der beiden Jungen geboren. Die Mutter habe keine Hilfe angenommen, alles allein schaffen wollen. Sie habe beweisen wollen, dass sie es besser machen könne, als ihre Eltern.

Ihr Haushalt war trotz der drei kleinen Kinder blitzblank geputzt, die Kinder stets sauber gekleidet und so erwartete sie auch von ihnen sich ordentlich zu benehmen, sich nicht schmutzig zu machen. Sie sollten immer aufessen, gerade sitzen, leise und gesund sein. Anderenfalls habe die Mutter zugeschlagen, getreten, Tobias mit dem Kopf in sein Erbrochenes gedrückt, ihn kalt abgeduscht, beide Kinder in ihren Schlafsäcken festgebunden oder in ihrem Auto warten lassen, während sie und ihr Mann in der Disco feiern gingen.

Freunde wussten zu berichten, dass der Vater Tobias Kopf gegen das Gitterbett geschlagen habe, weil sein Weinen beim gemeinsamen Fernsehabend störte. Dies sei sie jedoch nichts angegangen – jeder dürfe sein Kind erziehen, wie er wolle.

Am Vormittag des 03.08.1993 habe Tobias dann etwas aus seiner Flasche Kakao auf den frisch gewischten Küchenboden geschüttet. Dafür wurde er in den Bauch getreten, wobei vermutlich seine Milz riss.

Bei dem gemeinsamen Mittagessen sollte er Reis essen und erbrach sich. Die Mutter weckte den Vater, der von der Nachtschicht noch schlief und berichtete von dem Tritt und dem Erbrechen. Er habe sicherlich eine Magenverstimmung, denn so lang kein Blut unter dem Erbrochenen sei, würde nichts passiert sein, wusste der Vater zu berichten.

Tobias wurde zunehmend schwächer, weinte, schlief immer wieder ein. Auch sein Abendessen, ein Mettwurstbrot, erbrach er umgehend. Der Vater ging erneut zur Nachtschicht, die Mutter legte den wimmernden Tobias in sein Bett. Der Vater rief von der Arbeit an, riet dazu den Notarzt zu rufen. Nein, dieser würde erkennen, dass Tobias getreten wurde, das Jugendamt würde kommen und ihnen alle Kinder wegnehmen – die Mutter holte keine Hilfe. Ging einige Stunden später nochmals zu Tobias, er sagte noch zweimal „Mama“ und starb dann.

Die Mutter informierte den Vater darüber, nahm Tobias aus dem Bett, trug ihn stundenlang durch die Wohnung, legte ihn in seinen Laufstall. Vielleicht würde er dann wieder anfangen zu spielen.

Als der Vater um sechs Uhr von der Arbeit nach Hause kam und Tobias noch immer nicht wieder erwacht war, entschieden sie sich, ihn zu zerteilen. Schnitten ihm Arme und Beine und den Kopf ab, damit er besser in die schwarzen Mülltüten passt. Nur so würde nicht auffallen, wenn sie ihn kurz vor der Müllabfuhr in die Tonne legen würden. Bis zum nächsten Tag lagerten sie ihn in der Gefriertruhe.

Nachdem die Müllabfuhr ihn abholte, ging die Mutter mit den anderen beiden Kindern in die Innenstadt, bummeln. Plötzlich schrie sie auf, ihr Sohn sei weg. Sie habe gewimmert, geschrien, gesucht. In einem Kaufhaus sei Tobias mit einem Mal nicht mehr an ihrer Hand gewesen, nur kurz habe sie sich umgedreht. Die Polizei wurde eingeschaltet, Mitarbeiter, Passanten und Freiwillige suchten den kleinen Jungen überall. Eine Vermisstenanzeige wurde aufgegeben, eine Entführung stand im Raum.

Der Fall hielt ganz Deutschland in Atem. Die Polizei richtete eine SoKo ein, durchkämmte das gesamte Stadtgebiet. Bis zum 25. August machten die eingesetzten Mitarbeiter insgesamt 2.000 Überstunden, gingen jedem noch so winzigen Hinweis nach, gaben Pressemitteilungen bekannt, besprachen sich, suchten erneut. Der Vater weinte auf einer Pressekonferenz in die Kamera und bettelte darum seinen Sohn zurück zu bekommen, seine Frau hielt er im Arm. Sie habe völlig verstört gewirkt, war verzweifelt.

Doch die SoKo kam nicht voran, es gab keine Lösegeldforderung, keinen Hinweis. Die Mutter war zudem von niemandem mit drei Kindern gesehen worden – alle sahen sie nur mit zweien. Und als Kripobeamte dann die Mutter mit ihrem älteren Sohn zusammen sahen und dieser Angst vor seiner Mutter zeigte, gerieten die Eltern selber ins Ziel der Fahnder.

Am 25. August, genau drei Wochen nach Tobias Tod, gaben die Eltern zu, ihren Sohn getötet zu haben. Die Müllanlage wurde durchsucht, doch sein Körper wurde nie gefunden. Er wurde in der Müllverbrennungsanlage gänzlich ausgelöscht.

Gerichtsurteil:
Bis zum Ende der Verhandlungen leugneten die Eltern ihren Sohn zerteilt zu haben. Anders wäre eine Entsorgung jedoch nicht möglich gewesen.

Das Urteil, aufgrund Misshandlung eines Schutzbefohlenen in Tatmehrheit mit Mord und Vortäuschung einer Straftat, belief sich 1994 auf neun und sieben Jahre ohne Bewährung.

Aufgrund der Vorgeschichte der Mutter verzichtete die Staatsanwaltschaft auf die Forderung einer lebenslangen Haft für sie. Beide Elternteile wurden für voll schuldfähig beurteilt.

Die Eltern legten nach dem Urteil Revision beim Bundesgerichtshof ein, da sie nach Auffassung ihrer Verteidiger keine Straftat – also eine Entführung – vorgetäuscht hätten. Sie hätten lediglich eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Ob der Revision stattgegeben wurde, konnte nicht recherchiert werden.

Anmerkung:
Die Presse veröffentlichte eine Vielzahl an Artikeln, in denen den Eltern Verständnis entgegengebracht wurde. Die Mutter habe es, in ihrer eigenen Kindheit, nicht besser gelernt. Jedem könne solch eine Unachtsamkeit passieren, deshalb sei man nicht direkt jemand der sein Kind misshandelt. Große Sportler wurden in jungen Jahren von ihren Eltern malträtiert und trotzdem oder gerade deswegen sein sie erfolgreich gewesen.

Eine Recherche bei einem so alten Fall ist mit unseren Mitteln ohnehin mühsam, wenn zudem noch subjektiver Journalismus stattgefunden hat, erschwert es unsere Arbeit zusätzlich.